Das Multimediacafé

maedchen_tasseDas Multimediacafé ist eingebettet in das Modellprojekt „Digitale Kinder- und Jugendstadt Neukölln“ der Neuköllner Jugendförderung. Seit 1998 wurden in allen kommunalen Kinder- und Jugendzentren Multimediacafes eingerichtet.

Anfang 1999 wurde das Mädchenzentrum Szenenwechsel mit Multimedia PC´s ausgestattet. Zu Beginn hatten nur wenige Besucherinnen und Mitarbeiterinnen Erfahrung im Umgang mit dem Computer. Deshalb war es umso erfreulicher, dass sich das Multimediacafe innerhalb kurzer Zeit zu einem Schwerpunkt des Zentrums entwickelt hat.

Das Multimediacafe, ausgestattet mit 7 Computern, bildet den Mittelpunkt des offenen Bereiches und ist über alle Altersstufen hinweg Anziehungspunkt Nummer eins. Weitere zwei Computer sind dem Hausaufgabenbereich, der schulischen Recherche und dem Schreiben von Bewerbungen vorbehalten. Die Computer sind u.a. mit Text-, Grafik-, Audio- und Videobearbeitungsprogrammen ausgestattet, die Software ist auf die Bedürfnisse und Interessen der Nutzerinnen abgestimmt.

Um einen selbständigen und sachgemäßen Umgang mit dem Computer zu gewährleisten, wurde in Kooperation mit anderen Neuköllner Jugendeinrichtungen ein Computerführerschein (link) entwickelt. Gestaffelt nach Modulen können Mädchen systematisch Grundlagen der Computernutzung erlernen und erhalten dafür einen Computerführerschein, der sie zur Benutzung des Internetcafes im Mädchenzentrum und in den anderen Neuköllner Jugendeinrichtungen berechtigt.

Ein wichtiges Ziel bei der Gestaltung des Multimediacafes stellt die Partizipation von älteren, fachkompetenten Mädchen dar. Interessierte Mädchen erhalten die Möglichkeit, Verantwortung im Cafebereich zu übernehmen, jüngere Mädchen im Umgang mit dem Computer zu unterstützen, ihnen Grundlagenkenntnisse zu vermitteln und den Computerführerschein abzunehmen. Die Beteiligung von Mädchen stärkt ihr Selbstwertgefühl und trägt dazu bei, medienspezifische Kompetenzen zu erhöhen sowie Schlüsselqualifikationen (Verantwortung, Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit) zu erlangen. Zudem haben die Mädchen durch einen Honorarvertrag die Gelegenheit zum Gelderwerb.

Die kommunikativen Möglichkeiten des Internets, das Chatten, e-mail- und SMS- Schreiben, üben gerade auf Mädchen einen großen Reiz aus. Die Hauptattraktion stellt für viele Mädchen das Chatten dar. Die Funktionen des Chats reichen vom einfachen Ausprobieren eines neuen Kommunikationsmediums bis hin zum Flirten, der Erprobung selbstgewählter Identitäten und dem gezielten Informationsaustausch in themenspezifischen Foren.

Jüngere Mädchen haben die Möglichkeit, spezielle Kinderchats, die durch die Betreuung von Moderatorinnen abgesichert sind, zu besuchen. In der Regel entwickeln sie jedoch noch keine große Ausdauer beim Chatten.

Das Chatten mit Jungen und jungen Männern stellt gerade für Mädchen nicht-deutscher Herkunft, deren Umgang mit dem anderen Geschlecht stark reglementiert ist, einen immensen Freiraum dar. In einem relativ geschützten Rahmen können die Mädchen mit Jungen kommunizieren, flirten und dabei ihre eigene Geschlechtsidentität ausprobieren. In der Anonymität der Chaträume ist es ihnen möglich, die Initiative zu ergreifen, ohne kontrolliert zu werden oder ihren „guten Ruf“ aufs Spiel zu setzen.

Viele Mädchen nutzen Chaträume, in denen sie sich in ihrer Herkunftssprache und mit Jugendlichen aus ihren Herkunftsländern unterhalten können, oder sie halten den Kontakt zu Verwandten und Bekannten im Ausland aufrecht. Da der Gebrauch der Herkunftssprache in der Schule und in anderen Lebensbereichen häufig eingeschränkt und gesellschaftlich nicht erwünscht ist, erschließen sich hier neue Kommunikationswege. Darüber hinaus können die Mädchen den Gebrauch der Schriftsprache praktizieren, wozu sie im Alltag in der Regel wenig Gelegenheit haben.

In allgemeiner Hinsicht trägt das Schreiben am Computer zur Förderung sprachlicher Kompetenz bei. Bereits ganz junge Mädchen werden mit der Tastatur vertraut und trainieren ganz nebenbei ihre Ausdrucksfähigkeit, Rechtschreibung usw.

Computerspiele sind besonders für die jüngeren Mädchen von Interesse. Sie stellen einen spielerischen Zugang zum Computer her und sind für gewöhnlich das Anfangsmedium, mit dem die Welt der Computer erschlossen wird. Notwendig ist ein pädagogisch reflektiertes Angebot an Spielen, von denen sich Mädchen nicht abschrecken oder entmutigen lassen, und welches Identifikationsmöglichkeiten für sie bereithält. Dies ist häufig genug nicht der Fall. Die Palette der gängigen Computerspiele zeichnet sich vielmehr aus durch reduzierte Geschlechtsrollenangebote, sexistische Darstellungsweisen und Inhalte, die auf eine männliche Zielgruppe zugeschnitten sind. Die Auswahl an Computerspielen ist dann auch häufig entscheidend für die Motivation von Mädchen, sich näher mit dem Medium Computer zu beschäftigen.

Zwei Nachmittage in der Woche sind der kontinuierlichen Projektarbeit vorbehalten. An diesen Tagen stehen die Computer dem Erlernen von Computerprogrammen und deren Anwendung zur Verfügung. Bei Interesse können die Mädchen eine eigene Homepage gestalten, die über einen Link mit der Internetseite des Szenenwechsels verknüpft ist, und sich so selbst präsentieren. Vor allem im grafischen Bereich (bspw. mit Photoshop und Bild-Animationen) haben etliche Mädchen in den letzten Jahren gute Kenntnisse erworben und ihre Kreativität unter Beweis gestellt.